Picassos Affe mit der Renaultschnauze. Archimboldos Früchtchen. Die objets trouvés auf den Bildern der Dadaisten Kubisten Surrealisten. Beuys Filzmodelle. (Der verrückte Hund.) Der Film sowieso. Sogar – besonders! – in der Literatur: Schriftsteller, die ihre Gliederpuppen über den Schreibtisch
laufen lassen, um deren Dialoge nach-, sich vor allem aber vorzustellen. Was ist das älteste Kunstwerke der Menschheit- älter als die Höhlen von Altamira? Idealisierte Puppenmodelle von dicken Frauen mit dicken Bäuchen Brüsten Geschlechtsorganen. Auch eine Art objets trouvés – die Vergegenwärtigung der Fruchtbarkeit, des Wunders des Lebens. Dagegen schmiert jeder Dinoknochen ab, der nur er selbst ist (der Simpel). Modelle hingegen, gebaute Modelle, Modellbau, Modellbaukunst – weisen über sich hinaus. Das Modell ist nie es selbst, es ist immer ein anderes, ob nun der – horribile dictu – aus Streichhölzern gebaute Kölner Dom oder die aus Watte und Kürbissen zu Halloween herausmodellierten Geister, ob nun Picassos Affenrenaultschnauze oder die handliche Muttergöttinnenfigurine für den Andachtsquickie
zwischendurch. Homo Faber: Die Welt, um verstanden zu werden, muss er erst einmal nachbauen – und im Nachbau kommentieren. Das ist seine Kunst; der elegante Kommentar zum Nachgebauten, zu sich selbst, bedeutungsoffen, aber sinnfällig. Kunst ist gebauter Essay: Probehandeln am Modell. Modellbau ist das eine im anderen, die Vergegenwärtigung des Abwesenden durch das Handwerk, die Repräsentation des Erhabenen durch das Triviale, die Überschreitung des Alltags dadurch, dass auch für den Gewöhnlichsten noch das Gewöhnlichste das Ungewöhnliche bedeutet: Der Dom. Der Geist.
Die kognitive Dissonanz, die subtil sich selbst umkreisende Ironie der Renault-Affenschnauze, die Fruchtbarkeit als solche. Ohne Modellbau keine Transzendenz. Ohne Kunst kein Modellbau.