Picassos Affe

Einen ähnlichen wie den unten besprochenen Affen von Picasso finden Sie, wenn Sie → diesem Link folgen.


In der antiken Drei-Stile-Lehre der Rhetorik lernte der Schüler, das Erhabene erhaben, das Gewöhnliche gewöhnlich und das Mittlere in mittlerem Stil auszudrücken – und spätestens seit der Renaissance kannten alle Maler die Rhetorik des Bildes, die Vorschriften der Stilistik und Symbolik, die semantische Verstrickung von Blick, Emblematik, Kunstkommentar,


kunstvoller Offenheit und verwickelter Selbstreferenz. Die Schriftsteller, soweit sie poetae docti waren, kannten die Rhetorik sowieso. Es ist Thomas Mann, der in seiner vielgerühmten Ironie (die Martin Walser einmal “die Ironie eines Grandseigneurs” nannte) die Dreistillehre auf den Kopf stellte und das Erhabene kurz und knapp, das Gewöhnliche aber mit überschlagendem Ornat und kunstvollem Redeschmuck ausdrückte. Es gibt immer noch Leser, die das für eine Leistung halten. Dasselbe, nur raffinierter, intelligenter, nicht weniger der malerischen und rhetorischen Historie bewusst, aber souveräner in der Beherrschung von deren Mittel, semantisch offener, vieldeutiger und doch zugleich konkreter tut hier Picasso. Ein Affe mit der Schnauze eines Renaults (eines Renaults-Modells): Der trivialste, gewöhnlichste, einfachste Gegenstand, ein Affe, eine Kofferraumhaube, und dabei die höchste, größte Darstellungsform, die einst dem König, dem Caesar, dem Diktator, dem Kaiser zu Pferde vorbehalten war: Eine Bronze!

Picassos Bronze stellt sich in diese Tradition und kommentiert sie, er treibt sie auf die Spitze und kritisiert sie: Ist der Affe nicht genauso königlich, ja, kaiserlich wie diese? Waren das alles bloß Affen (gerade jene, welche ihr Denk- und Sprechwerkzeug durch die äußeren Symbole einer Zivilisation ersetzt haben, ohne sich dabei zu verwandeln)? Das Genus grande der hohen Rhetorik des Bildnerischen einem Affen – oder vielmehr, angesichts des Ersatzes seines Kopfes, seines Sprechwerkzeugs durch ein Renaultmodell: Die Bronze, das große Bildnis, als ironische Apologie des Fahrzeugs, des Affen, der den Individualverkehr beherrscht (der Mensch ist das einzige Tier, das den Führerschein machen kann), – und zugleich als bildnerische Feier des


äußersten Symbols der Zivilisation, die das Humane (Hirn, Sprechwerkzeug) überlagert, bis nur noch der Affe übrig bleibt. Tiefer angesetzt: Hätte nicht jeder Aff’ das Recht, sich in einer Bronze verewigt zu sehen? Höher: Wenn es überhaupt ein Affe ist: Es ist ein Affe mit Renault! Also einer, der durch das, wofür dieser steht (für so Vieles: Die Technik, die Beherrschung der Technik, damit die Beherrschung der Naturgesetze, der Natur und damit für die Beherrschung seines eigenen Affentums), aus dem Affenstatus erwacht, sich seiner entledigt – aber, sein Fell, die Haltung, die Nacktheit des wilden Tieres, die unverkennbaren Merkmale des anhaltenden Affentums zeigen das: trotzdem ein Stück Natur bleibt, ihr zugleich entfremdet wie verhaftet, verpflichtet, ihr unterworfen wie entraten. Es ist “der Mensch”, das Humanum, das oszilliert zwischen Zivilisation und Archaik, Souveränität und dumpfester Technik- und Fortschrittsgläubigkeit (“die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch”, wie Gottfried Benn, etwas plakativer, es sagte), dem Picasso hier ein ironisches Denkmal setzt: Dieser Affe, dem ein Renault das Maul stopft (eine Kofferraumhaube ist kein Sprachorgan), ist, der zugleich zeigt, wie sich die zivilisatorische Technik bereits in seinen Körper eingeschrieben hat (und zwar am Ort seiner Sprache, sie filternd, sie verändernd), bleibt, inmitten seines eigenen, vielberedten Denkmals, stumm: Das Kunstwerk vom Affen spricht; der Affe nicht. Dieses höchste, klügste Stück Modellbau in der Kunst des 20. Jahrhunderts ist so bedeutungsoffen wie konkret, so souverän in der Beherrschung seiner Mittel wie humorvoll, so intelligent, schlagend in seiner Bildkraft und doch so infinit in seiner Interpretatabilität – und dabei, in seiner selbstironischen Betonung gerade des Gewöhnlichen, des Kleinen, des Unscheinbaren, ein so großes, überwältigendes Kunstwerk.